Wenn alte Wunden in Beziehungen sichtbar werden – und darin eine Chance liegt
Wir neigen dazu, die Welt aus unserer eigenen Perspektive zu betrachten. Wie wir Situationen wahrnehmen, interpretieren und emotional darauf reagieren, ist dabei häufig auch von unseren frühen Erfahrungen geprägt.
Viele unserer Eltern haben ihr Bestes gegeben – so wie auch wir für unsere eigenen Kinder das Beste geben möchten. Und dennoch sind wir alle nicht perfekt. So entstehen im Laufe unseres Lebens kleinere und größere Verletzungen.
Vielleicht haben wir erlebt, nicht respektiert zu werden. Vielleicht hatten wir das Gefühl, nicht wirklich wertvoll oder wichtig zu sein. Oder wir haben uns häufig allein gefühlt, obwohl andere Menschen da waren.
Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Sie können uns über lange Zeit begleiten und unterschiedliche Bereiche unseres Lebens beeinflussen.
So kann es beispielsweise passieren, dass wir uns sowohl in unserem Beruf als auch in unserer Partnerschaft immer wieder allein, nicht gesehen oder nicht ausreichend respektiert fühlen. Eine Situation im Hier und Jetzt kann dabei Gefühle auslösen, die viel älter sind als der aktuelle Konflikt.
Die Beziehung als besonderer Raum
Aus Sicht des Imago-Ansatzes liegt genau darin ein besonderes Geschenk der Partnerschaft.
Nach der ersten Phase der Verliebtheit treten gerade in engen Beziehungen alte Verletzungen und die damit verbundenen Gefühle häufig besonders deutlich hervor. Der Partner oder die Partnerin berührt unbewusst wunde Punkte, die bereits lange vor der Beziehung entstanden sind.
Auf diese Weise können alte Wunden erneut spürbar werden. Gleichzeitig kann genau dort etwas Neues entstehen: Heilung.
Denn eine Beziehung kann zu einem Raum werden, in dem wir neue Erfahrungen machen – Erfahrungen, die unseren bisherigen inneren Überzeugungen etwas entgegensetzen.
Der erste Schritt: Wahrnehmen, was zwischen uns passiert
Der erste Schritt besteht darin, überhaupt wahrzunehmen, wie wir miteinander umgehen.
Ist unsere gemeinsame Zeit zunehmend von Streit, Rückzug oder emotionalen Verletzungen geprägt? Haben wir das Gefühl, ständig gegeneinander anzukämpfen? Müssen wir uns immer wieder verteidigen, durchsetzen oder um etwas kämpfen?
Dann kann es hilfreich sein, innezuhalten und sich gemeinsam dafür zu entscheiden, wieder einen anderen Raum zu schaffen: einen Raum, der von Neugier, Offenheit, Vertrauen und Sicherheit geprägt ist.
Einen Raum, in dem es nicht darum geht, wer Recht hat, sondern darum, die Welt des anderen wirklich zu verstehen.
Neugier statt Verteidigung
Wenn ein solcher Raum entsteht, können neue Seiten an uns selbst und an unserem Partner oder unserer Partnerin sichtbar werden.
Entscheidend ist dabei nicht, dass wir uns in allem einig sind, sondern, dass wir beginnen aus echter Neugier zuzuhören.
Dabei kann eine wichtige Erfahrung entstehen: Die Perspektive, die Bedürfnisse oder die Gefühle des anderen müssen keine Bedrohung für mich sein.
Wenn wieder neue Möglichkeiten entstehen
Aus diesem Verstehen heraus können sich neue Möglichkeiten eröffnen.
Vielleicht entdecken wir neue Wege, uns gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht entstehen Ideen dafür, wie wir unsere gemeinsame Zeit wieder bewusster gestalten können. Vielleicht kehren Leichtigkeit und Freude zurück.
Und manchmal entsteht etwas neu, das im Alltag einer Beziehung verloren gegangen sein kann: Verbundenheit und Lebendigkeit.
Für mich ist es immer wieder berührend zu sehen, wenn Paare beginnen, sich wieder anzunähern: wenn sie sich wieder in die Augen sehen, sich wieder füreinander öffnen und aus reflexhafter Verteidigen echtes Zuhören wird.
Wenn zwei Menschen beginnen, einander wieder neu zu entdecken, kann darin eine der größten Chancen einer Beziehung liegen: Gerade an den Stellen, an denen wir uns besonders verletzt fühlen, kann die Möglichkeit entstehen, uns selbst und den anderen tiefer zu verstehen – und gemeinsam neue Erfahrungen zu machen.
Einen heilsamen Raum schaffen
Das alles geschieht nicht immer von allein. Gerade wenn sich Konflikte bereits festgefahren haben, kann es schwierig sein, aus den gewohnten Mustern auszusteigen.
Manchmal braucht es dafür einen geschützten Rahmen und Unterstützung von außen.
Wenn ihr euch Unterstützung dabei wünscht, wieder einen heilsamen gemeinsamen Raum zu schaffen, in dem Begegnung, Verständnis und Verbindung möglich werden, wendet euch gerne an mich oder an meine KollegInnen vom Zentrum Beziehungsarbeit.