Persönlichkeitsentwicklung mit Aikido

 

Die japanische Kampfkunst Aikido ist für mich ein gutes Beispiel, wie man lernen kann, mit den Herausforderungen des Lebens gut umzugehen. Das Wort Aikido setzt sich zusammen aus Ai (Harmonie), Ki (Kraft) und Do (Weg). Man übt in der Auseinandersetzung mit einem angreifenden Partner, die eigene Kraft mit der Kraft des Angreifenden harmonisch zu verbinden. Dieser Weg ist nie abgeschlossen, denn je besser man wird, umso mehr erkennt man die eigenen Entwicklungspotenziale. 

Als ich Ende der 80er Jahre Aikido kennenlernte, hatte ich schon diverse Entspannungstechniken erlernt und auch Yoga. Friedlich zu meditieren oder mich sanft im Yoga zu dehnen, das war mir letztlich aber zu wenig kraftvoll und zu statisch geworden. Beim Aikido geht es dagegen um Entspannung mitten in der Aktion: Angesichts eines angreifenden Gegners in der eigenen Mitte zu bleiben und gleichzeitig hoch konzentriert und aktiv das Richtige zu machen.

Genau das ist die Herausforderung, die ich gerne meinen Klienten und Freunden mitgeben möchte. Es ist schön, wenn andere so nett und freundlich sind, um sich meinen Wünschen anzupassen. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob ich auch mit Situationen souverän umgehen kann, in denen der/die andere eine eigene Meinung haben. Das kann der/die eigene PartnerIn sein, oder auch ein Vorgesetzter, ein Kollege oder ein Kunde.

Im Vergleich zu Kampfsportarten geht es bei Aikido nicht darum, den anderen zu besiegen. Gerade in Beziehungen ist jeder unfreundlich errungene Sieg ja meist auch ein Verlust, weil der/die andere normalerweise darauf sinnt, es einem irgendwie heimzuzahlen. Beim Aikido geht es vielmehr darum, dass beide Partner lernen, ihre Energie selbstbewusst einzusetzen und sich gleichzeitig gut auf den anderen einzustellen. Eine gute Metapher für anspruchsvolle Kommunikation.

Für den Einstieg braucht man Geduld, denn anfangs kann man den einzelnen Bewegungsabläufen und Techniken, die vorgezeigt werden, kaum folgen. Aikido verlangt eine umfassende Koordination des ganzen Körpers, und selbst wenn man einmal verstanden hat, wie eine Technik funktioniert, steigt die Anforderung, wenn man das Gleiche im Einklang mit einem sich bewegenden Partner anwenden will. Dabei kräftigen sich Muskeln, von denen man im normalen Alltag nicht einmal weiß, dass man sie hat und einsetzen kann.

Auch in der Realität des Lebens gibt es keine statischen Situationen. Wenn man anspruchsvollere Aufgaben und lebendige Beziehungen anstrebt, wird man immer wieder vor Herausforderungen stehen, die einen zunächst überfordern. Aber durch die bewusste Auseinandersetzung und das konsequente Anwenden des Richtigen kräftigen sich langsam die “seelischen Muskeln” und die Herausforderung wird bewältigbar.

Ein Coaching oder eine Paartherapie kann diesen Prozess unterstützen: Zunächst geht es um genaues Erkennen und Verstehen der Herausforderung. Im zweiten Schritt lernt und übt man, wie man sicherer und kooperativer damit umgehen kann. Und dann wendet man an, was man gelernt hat – und feiert den Erfolg oder erkennt, was noch fehlt.

Im Aikido lernt man anzuerkennen, dass es unterschiedliche Entwicklungsstufen gibt. Es gibt 5 Schülergrade und 8 Meistergrade, die man durch Prüfung erreicht. In Wirklichkeit spürt man aber sofort, ob das Gegenüber einen höheren oder niedrigeren Entwicklungsstand hat: durch die Unterschiede in Haltung, Ausführung der Technik und vor allem wie energetisch, selbstbewusst und effektiv jede Bewegung ausgeführt wird. 

Egal ob Sie Aikido üben oder sich “nur” den Herausforderungen Ihres Lebens stellen: Indem Sie die jeweilige Herausforderung beherzt und überlegt annehmen, wachsen Sie automatisch. Denn es gibt keine Fehler im Leben, nur Erfahrungen, wenn man anschließend erkennt, was man besser machen kann.

Dr. Maximilian Schallauer